Kothe

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Schaut man sich bei den Weltpfadfindertreffen um, so fällt eine Besonderheit der deutschen Pfadfinder sofort ins Auge. Während andere Nationen mit Armeezelten oder gar modernen Kuppelzelten in den schönsten modischen Farben der Saison, wie pink oder gelb, auftauchen, ist das Bild des deutschen Unterlagers durch schwarze, pyramidenförmige Zelte geprägt – die Kohten.

Aufgestellt mit zwei Außenstangen oder aufgehangen zwischen zwei Bäumen bietet sie einer kompletten Sippe, entsprechendes Organisationstalent vorausgesetzt, mit einem Feuer in der Mitte gut Platz.

Sie ist ein rein deutsches, vielleicht auch noch in Österreich, vorkommendes Phänomen. Die Kohte hat ihren Ursprung in der Bündischen Jugend, genauer gesagt, in der d.j.1.11, der Deutschen Jungenschaft vom 1.11.1929, einem Bund der Weimarer Republik. Keiner der in dieser Zeit teilweise kurz existierenden Bünde hat wohl die deutsche Jugend so geprägt, wie dieser. Der Führer der d.j.1.11, Eberhard Koebel, genannt tusk, hatte seinen Fahrtennamen von dem schwedischen Wort tysk, Deutscher, erhalten. Von seinen Fahrten nach Skandinavien brachte er nicht nur seinen Fahrtennamen mit, sondern eben auch die Idee für ein anderes Fahrtenzelt. War man bis dahin noch mit Armeezelten oder Planen unterwegs gewesen, sollte das neue Zelt einen eigenen Stil dieser Jungenschaft symbolisieren. Das Lappenzelt war Vorbild. Nach einigen Versuchen das Zelt in gleicher Weise nachzubauen, was nur teilweise gelang, musste eine neue Konstruktion erdacht werden. Diese sollte einfach zu transportieren sein. Nach einigen Versuchen wurde die Lösung gefunden und sie entspricht im großen und Ganzen dem heutigen Modell des Feuerzeltes.

Nach dem zweiten Weltkrieg trat die Kohte ihren Siegeszug quer durch alle Pfadfinderbünde und Verbände an. Bei uns gab es erst einen Wiederbeginn unter alten Wehrmachtsplanen, weiße Rundzelte und andere Zeltbahnentypen wechselten sich ab. Das Alexzelt, ein weißes Rundzelt, wurde noch bis vor einigen Jahren bei uns im Stamm für die Meute benutzt. Aber mittlerweile schlafen alle auf Lager oder Fahrt in Kohten oder den größeren Jurten, die 20 Personen ausreichend Platz bieten.

Das schwarze Zelt ist zu dem Gruppenzelt der Pfadfinder geworden. In der Kohte kann gekocht, gesungen und natürlich auch geschlafen werden. Bei unser Sommerfahrt in Schottland kam es oft genug vor, daß die gemütliche Enge und das Prasseln des Highlandregens auf die Planen uns verleitete, bis zum Mittag im Schlafsack zu liegen.

Wer könnte das spezielle Kohtenfeeling besser beschreiben als ihr Erfinder:

Eine Kohte wacht auf – tusk – ( Aus dem Buch tusk von Werner Helwig )

„Verschlafen wache ich auf. Es ist warm und dunkel. Nur das Ticken der Uhr höre ich irgendwo im Schlafsack. Vorsichtig schiebe ich die Zeltbahn über den Kopf zurück. Loser Schnee fällt in mein Gesicht. Rings um das erloschene Feuer liegen Berge aus Pelz und Decken. Auf einigen, die zu weit in die Mitte gerollt sind, liegt Schnee. Der Sturm muß über Nacht die Zeltbahn vom Rauchloch gezerrt haben. Dann ist der Schnee gefallen und hat die Glut ausgelöscht.

Ich ziehe meinen Arm aus dem Schlafsack und stütze mich auf. Durch das Rauchloch sehe ich blauen Himmel und Tannenzweige. Ganz oben scheint die Sonne. Ich ziehe meinen anderen Arm raus und kratze den Schnee mit einem Holzscheit von der Feuerstelle. Ich blase in die Asche und muß husten. Es ist keine Glut mehr da.

Der Pelzberg auf der anderen Seite bewegt sich. Eine Nase erscheint, ein Kinn schiebt die Decke zurück. Zwiebel ist wach. Schauernd gehen seine Augen umher – von dem Schnee im Zelt zu den hartgefrorenen Schuhen, zu dem Eis im Kochtopf, zu den Schneewehen in den Zeltecken. Wie eine Schnecke zieht er sich wieder zurück. Sogar die Nase deckt er zu, nur die Augen sind noch zu sehen.

Ich greife unter meinen Kopf und Taste nach Messer und Streichhölzern. Ein Tannenscheit wird kleingeschnitten. Aus winzigen Spänchen schichte ich eine Pyramide und stelle ein Stück Kerze darunter. Die Flamme schlägt hin und her, knisternd und knackend fangen die Hölzchen an zu brennen. Ich lege mehr nach und Stelle größere Holzstücke aneinander und achte darauf, daß alle Hölzer gleichmäßig nach oben gerichtet sind und in der Mitte einen Kamin bilden. Blauer Rauch steigt auf. Mit einem längeren Ast schiebe ich den Zelteingang zurück, damit das Feuer Luft bekommt. Die Flamme wärmt schon und ich halte meine Hände daran. Auch Zwiebel spürt die Wärme. Er zieht Holzscheite heran und baut sich ein kleines Gestell, um seine Schuhe aufzutauen. Dann klopft er auf die übrigen Pelzsäcke.

Überall schieben sich die Verhüllungen zurück und wohlig lassen sich Gesicht und Hände von der Glut bestrahlen. Alle Schuhe sind steinhart gefroren. Meine sind schon etwas aufgetaut. Ich zwänge sie über die Füße und krieche raus, denn das Holz ist bald alle. Zwiebel nimmt den Kochtopf und stampft zu Quelle.

In den anderen Kohten ist es noch still, Die Zeltwände sind bis obenhin beschneit und wie ausgestorben. Nur aus unserem Zeltloch steigt blauer Rauch. Drinnen hängt jetzt der Topf an der langen Kette. Die Flammen schlagen hoch heran. Jeder räumt seine Sachen auf. Pelze werden zusammengelegt, Haare gekämmt und jeder freut sich über die Wärme und den Tee, der gleich fertig ist.

Die Kohtentücher dampfen. Der Schnee schmilzt und rollt in großen Tropfen an der Seite herunter. In halber Höhe gefriert er wieder zu silbernen Ornamenten. Der obere Teil ist jetzt tief schwarz, blauer Rauch steigt heraus wie aus einem Schornstein. Drinnen klappern die Kochgeschirre und das erste Lied wird gesungen.“

Ein jeder, der noch nicht das Vergnügen hatte, wird jetzt vielleicht ein wenig das Kohtengefühl nachempfinden können. Und manche Mutter wird verstehen, wieso ihr Kind nach einer Fahrt immer den Geruch eines mittleren Waldbrandes hinter sich herzieht. Bei der Erwähnung, daß man als Pfadfinder Feuer in einem Zelt macht, erntet man oft nur verständnisloses Kopfschütteln oder gar den berühmten Vogel, aber am Abend im Wald in der Singerunde mit einer Tasse Tee ums Feuer in der Kohte zu sitzen ist einfach toll. Mehr sollte jeder einfach selber erleben. Fertig!