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Pfadfinder in Deutschland

In wohl keinem anderen Land ist die Pfadfinderei durch so viele verschiedene Strömungen geprägt worden, wie in Deutschland. Nur wer sich mit dieser Entwicklung auseinandersetzt, wird die vielschichtige und zersplitterte Pfadfinderlandschaft in Deutschland verstehen können.

Deshalb beginnen wir auch nicht im Jahre 1909 als der Stabsarzt
Dr. Alexander Lion durch die Übersetzung des Buches „Scouting for Boys“ die Pfadfinder in Deutschland populär machte, sondern mit den Anfängen der deutschen Jugendbewegung.

Gründung des Wandervogels

Ende des 19. Jahrhunderts beginnt die Geschichte der Jugendbewegung in Deutschland. Anders als wir es heute kennen, gab es keine Freizeit- einrichtungen für Kinder und Jugendliche, kein Fernsehen und kein Radio. Die Schule unterrichtete nach humanistischen Traditionen Altgriechisch und Latein. Das Elternhaus ist geprägt von preußischen Tugenden und Werten. Leistung und Gehorsam werden von den Jugendlichen gefordert, in der Schule und Zuhause, wo der Vater das uneingeschränkte Oberhaupt der Familie ist. In dieser bedrückenden Enge entwickelte sich der Wunsch nach dem Ausbruch aus dieser heilen Welt.

Der Student Hermann Hoffmann, der in seiner Jugend viele Wanderungen mit seinem Bruder unternommen hatte, hatte die Idee, dieses Gefühl des Umherstreifens in der Weltgeschichte anderen nahe zu bringen. Er bat beim Direktor des Steglitzer Gymnasiums um Erlaubnis, einen Stenographiekurs für ältere Schüler durchzuführen. Schon nach kurzer Zeit war aus dem Stenokurs ein Freundeskreis geworden, der mehr als nur Kürzel im Kopf hatte. Man wollte auch hinaus und die Welt erleben. So kam es schon bald zu den ersten Wanderungen und Fahrten.

Als Hoffmann in den diplomatischen Dienst ging und Berlin verließ, wurde Karl Fischer sein Nachfolger. Aber es gab ein Problem. Während Hoffmann als volljähriger Student das Vertrauen der Eltern besaß, war Fischer gerade dabei sein Abitur zu machen. Um der Vereinigung einen offiziellen Charakter zu geben, mussten einige Erwachsene, am Besten angesehene Bürger, als Bürgen für diesen Verein gefunden werden. Es gelang und am 4.11.1901 wurde der „Ausschuss für Schülerfahrten“ gegründet. Doch dieser Begriff hört sich nun wenig romantisch an und war ungeeignet, um in den Schülern die Abenteuerlust zu wecken, auf Fahrt zu gehen. Der Name „Wandervogel“ wurde gefunden und dieser Name ist heute noch ein feststehender Begriff.

Die Idee und der „Wandervogel“ breiteten sich schnell aus. Und auch ähnliche Vereine, nur unter anderem Namen, wurden gegründet. Die Jugendbewegung vor dem ersten Weltkrieg hatte kein ausgefeiltes Konzept als Grundlage, wie etwa später die Pfadfinder. Vielmehr war das Streben nach freier Entfaltung, was sich letzten Endes in den selbstorganisierten Fahrten ausdrückte, die Hauptgemeinsamkeit.

So war es kein Wunder, dass sich in der Jugendbewegung eine große Vielfalt breitmachte, die sich in den Verschiedenheiten der einzelnen Gruppen ausdrückte. Man war stolz auf diese Vielfalt und betrachtete sie nicht als Schwäche. Aber in einer Bewegung, die von Träumen und Idealen durchsetzt ist, ist es wohl nichts Ungewöhnliches, dass sich Lager mit verschiedenen Meinungen bilden. So trat schon kurze Zeit nach Gründung das Phänomen zum ersten Mal auf, das bis heute noch kennzeichnend für die deutsche Jugendbewegung bzw. die deutsche Pfadfinderbewegung sein sollte. Konflikte werden nicht per Kompromiss gelöst, sondern es wurde immer beliebter, sie durch Spaltung beizulegen. Viele Ursachen für die Trennungen kann man wohl auf einen Nenner bringen. Innerhalb der Führerriege bildet eine Person oder eine Gruppe ihre eigenen Vorstellungen aus. Die anderen sind damit natürlich nicht einverstanden. Es kommt zum Bruch, einige werden rausgeschmissen oder spalten sich ab. Natürlich hört keiner auf, seine Ziele zu verfolgen und so kommt es zu einer Neugründung. Nach ein paar Jahren hat sich die Lage wieder beruhigt, andere sind am Ruder, man entdeckt Gemeinsamkeiten und vereinigt sich schließlich wieder, bis zum nächsten Mal.

So kam es denn auch u.a. über folgende Themen zu Streitereien und schließlich zu diversen Abspaltungen: Zum einen führten natürlich Konkurrenz, Neid und Führungsgerangel innerhalb der Führerriege zum Twist, aber auch über Themen wie Alkoholkonsum, Mädchen im Wandervogel, Rohkost, die Öffnung der Bewegung auch für Jugendliche aus dem Arbeiterstand (man war meist bürgerlich), ja sogar über die beginnende Nacktkörperkultur und deren Tolerierung geriet man in Streit.

1909 erschien der „Zupfgeigenhansel“. Waren Lieder bisher nur durch mündliche Überlieferung beim Treffen der Gruppen weitergegeben worden, sollte er den Grundstein zu einem gemeinsamen Liedgut legen. In ihm finden sich Wander-, Liebes- und Soldatenlieder sowie Balladen. Der „Zupfgeigenhansel“ wurde zu einem Bestseller und fand seine Käufer nicht nur unter den Jugendbewegten. Er ist heute noch Grundlage vieler aktueller Pfadfinderliederbücher.

1913 rauften sich dann die verschiedenen Ströme der Jugendbewegung noch einmal zusammen und es kam zu einem Lager auf dem Hohen Meißner, einem Berg bei Kassel. Während in Leipzig der Jahrestag des Sieges über Napoleon mit viel Patriotismus gefeiert wurde, trafen sich 2.500 – 3.000 Mitglieder mehrerer Wandervogelbünde sowie Studentenverbindungen zum 1. Freideutschen Jugendtag. Schließlich schloss man sich unter der Meißner Formel zur Freideutschen Jugend zusammen. Diese Formel drückt wohl am Besten den Geist der Zeit und der Bewegung aus:

Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese Freiheit tritt sie unter allen Umständen ein.

Nach diesem Treffen machten sich viele Hoffnung auf einen Zusammenschluss der gesamten Deutschen Jugend. Aber der im darauffolgenden Sommer ausbrechende erste Weltkrieg schaffte andere Verhältniss

 

Gründung der Pfadfinder

Sir Robert Baden-Powell Lord of Gilwell, erster und einziger Chief Scout of the World, ist der Ursprung der Weltpfadfinderbewegung. Deshalb kommt man auch schlecht um einen Ausflug in seine Biographie herum, um seine Beweggründe für die Gründung einer Jugendorganisation zu verstehen.

Schon in seiner Collegezeit ging er gerne mit seinen Freunden auf ausgedehnte Wanderungen. Dabei entwickelte er eine große Freude an der Natur und die ersten Kniffe besser in ihr zurechtzukommen. Nach seinem Abschluss trat er in die britische Armee ein, als Kavallerieoffizier ging er nach Indien. Dort vervollkommnete er seine Kenntnisse über die Natur und das Leben in ihr. Die Vorgesetzten wurden auf ihn aufmerksam und er wurde zum Ausbilder der Scouts, der Späher und Kundschafter, berufen. Er schrieb seine Kenntnisse, die er als Ausbilder gewonnen hatte, in seinem ersten Buch „Aids for Scouting“ nieder, das später zur Ausbildungslektüre für Offiziere wurde. Im Jahr 1899 brach der Burenkrieg aus und es war seine Aufgabe die Stadt Mafeking zu verteidigen. Da er und seine Verbündeten im Verhältnis 1:9 dem Gegner unterlegen waren und jeden Mann zur Verteidigung brauchten, erschuf Baden-Powell ein Knabenkorps, das durch die Übernahme von Botendiensten die Soldaten entlasten sollte. Die Jungen machten ihre Arbeit sehr gut und waren in der Lage selbstständig ihre Aufgaben auszuführen, eine Fähigkeit, die man den damaligen Jugendlichen absprach. Kurz und gut, er verteidigte die Stadt und kehrte 1901 nach England zurück, wo er durch diese Leistung ein „Held“ geworden war. Sein erstes Buch wurde nun nicht nur durch Offiziersanwärter gelesen, auch Jugendliche waren begeistert von diesem Werk.

Nur Baden- Powell war es nicht, denn das Buch war für das Militär geschrieben und nicht für heranwachsende Jugendliche geeignet. So entschloss er sich, ein neues Buch zu schreiben, in dem er seine Erfahrungen mit den Jungen von Mafeking verarbeiten wollte. Aber vor dem Erscheinen wollte er seine Idee sozusagen „ausprobieren““. Er lud im Jahr 1907 22 Jungen zu einem Lager auf Bronsea Island ein. Das Lager war ein voller Erfolg. Aus diesen Erfahrungen heraus entstand das Buch „Scouting for Boys“, das ein Jahr später, 1908, erschien. Durch dieses Buch fand die Pfadfinderidee schnell Verbreitung in aller Welt. Baden- Powell, auch B.P. genannt, wollte seine Jugendorganisation nicht als vormilitärische Ausbildung verstehen, vielmehr sollten das Lagerleben, die Fahrtentechniken und die Geländespiele auf spielerische Art soziale Ideen, wie das Zusammenleben in der Gruppe, aber auch das Leben in der Natur vermitteln.

 

 

1909

In diesem Jahr übersetzte der Stabsarzt Dr. Alexander Lion zusammen mit dem Hauptmann Maximilian Bayer und zwei Lehrern das Buch „Scouting for Boys“ ins Deutsche und passte es dabei den deutschen Verhältnissen an. Im Vorwort geht Alexander Lion auf die Übersetzung des englischen Begriffes „scout“ ins Deutsche ein. Die wörtliche Übersetzung, Späher & Kundschafter, wurde als nicht hinreichend angesehen und so veranstaltete der Verlag, bei dem das Buch erscheinen sollte, ein Preisausschreiben, aber Begriffe wie Jungspäher, Feldstreifer oder gar Lauerknabe waren auch nicht das Wahre.

Lion: …Das Suchen und Finden des richtigen Lebenspfades, des Pfades, der zu Gesundheit und Kraft, zur körperlichen und moralischen Festigkeit der Jugend führen soll, das soll die Bedeutung des Wortes „Pfadfinder“ sein….

 

 

1910-1914

Das „Pfadfinderbuch“ war im ganzen Kaiserreich ein voller Erfolg. In ganz Deutschland wuchsen die Gruppen, sowohl von Jugendlichen als auch von Erwachsenen gegründet. Im Gegensatz zur Wandervogelbewegung fiel es nicht schwer, die Anerkennung der Öffentlichkeit zu bekommen. Lehrer und Offiziere unterstützten die neue Bewegung zum einen wegen ihres vormilitärischen Charakters, zum anderen hatte diese Organisation auch der Verweichlichung des Geistes der Jungen ihren Kampf angesagt. Am 40. Jahrestag der Reichsgründung, dem 18.01.1911, wurde durch das preußische Kultusministerium der Deutsche Pfadfinderbund (DPB) proklamiert. Die Pfadfinderbewegung erhielt also Unterstützung von höchster Stelle und der Kaiser verlieh dem jungen Bund das Schachbrett als Abzeichen. Erster Bundesführer wird Maximilian Bayer. Die Gruppen in den Städten hießen Pfadfinderzüge und wurden oft von Offizieren geleitet, dieses entsprach natürlich dem erwarteten Bild von Jugendarbeit im Kaiserreich.

 

 

1914-1918

Der erste Weltkrieg brach über Europa herein und viele, Pfadfinder wie Wandervögel, zogen mit Begeisterung in den Krieg. Hurrapatriotismus heißt das heute in den Geschichtsbüchern. Für alle sollte nichts mehr so sein, wie es einmal gewesen war. Auf den Schlachtfeldern des ersten Kriegsjahres fielen viele der begeisterten Jugendlichen. Aber schon bald war auch dem Letzten klar, dass dieser Krieg nicht so schnell zu Ende sein würde. Das Leben an der Front begann sich zu normalisieren, wenn man davon sprechen darf. Viele Wandervögel hatten den Zupfgeigenhansel und die Klampfe im Marschgepäck und so traf man sich abends zur Singerunde im Schützengraben. Was etwas merkwürdig erscheint, aber nicht undenkbar war, da viele Regimenter aus einer Stadt oder einem Kreis stammten. Die Pfadfinder und Wandervögel lernten sich hier erstmals kennen und die Vorzüge des anderen schätzen.

 

 

1918-1933

Die Zeit der Weimarer Republik war nicht nur für die Politik eine schnellebige Zeit. Auch in der Pfadfinderbewegung und bei den Jugendbewegten tat sich einiges. Und wieder ging es nach dem schon vor dem Krieg praktiziertem Prinzip des Konfliktlösens durch Abspalten. Die Zeit zwischen den Kriegen ist geprägt von Reformen, Spaltungen, Vereinigungen und dem Verschwinden ganzer Bünde.

Viele Pfadfinder und Wandervögel hatten im Krieg ihr Leben gelassen. In den beiden Bewegungen hatte man sich gegenseitig kennengelernt. Der Krieg war das Ereignis, das die Pfadfinder zum grundsätzlichen Umdenken brachte. Heute würde man sagen: „die alten Zöpfe wurden abgeschnitten“. Aus den Zügen wurden Horste und überhaupt wollte man nicht mehr fremdbestimmt, also von Erwachsenen, geleitet werden. Die Pfadfinder wurden schließlich neben dem Wandervogel und den anderen jugendbewegten Bünden zu einer eigenen dynamischen Kraft in der nun Bündischen Jugend.

Der DPB widersetzte sich zwar anfangs allzu großen Veränderungen. Aber nach diversen Abspaltungen kam auch er nicht mehr um Reformen umher. Aus der Pfadfinderei als Mittel der jugendlichen Erziehung, wurde die Pfadfinderei Mittel zum Ausbruch aus alten Wertevorstellungen. In dieser Zeit fallen viele Bünde durch ihre besonderen Eigenheiten auf. Es gab zum Beispiel den „Weißen Ritter“, dessen Mitglieder dem mittelalterlichen Ritterbild nacheiferten. Besonders erwähnt werden sollte, obwohl keine Pfadfindergruppe, die Deutsche Jungenschaft vom 1.11.1929, kurz genannt d.j.1.11, unter ihrem Führer Eberhard Koebel. Er trug den Spitznamen „Tusk“, welcher vom schwedischen Wort „tysk“, deutsch, abgeleitet war. Er prägte einen neuen Stil in der Bündischen Jugend. So brachte er von seinen Großfahrten die Kohte als Gruppenzelt in Anlehnung an die Zelte der Lappen mit. Er führte die Jungenschaftsbluse, die Juja, ein und die Großfahrt wurde ein wesentliches Element.

In den Jahren 30-33 wurde die Arbeit der Pfadfinder und der anderen Gruppen zunehmend erschwert. Die Hitlerjugend (HJ) und die anderen Organisationen, wie Jungvolk u.ä., erfreuten sich großen Zulaufs und der Stil der Zeit war es, andere Gruppen durch teilweise Gewaltaktionen zu stören.

 

 

1933-1945

Am 30.1.33 wurde Adolf Hitler als Reichskanzler ausgerufen. Mit der Verabschiedung der sogenannten Notstandsgesetze war die „Machtergreifung“ perfekt und die Jagd auf anders Denkende eröffnet. Ein Ziel war das Verbot der freien deutschen Jugendbewegung. Die Hoffnung der Bünde, neben der HJ existieren zu dürfen, war reine Illusion. Niemand sollte der nationalsozialistischen Ideologie Konkurrenz machen.
Aus einem Führungsblatt der HJ: …Wir haben an den Gräbern unserer ermordeten Kameraden gelobt, dass wir mit dem brutalsten Einsatz die Reinheit des Nationalsozialismus gewährleisten! Wir proklamieren den rücksichtslosen Kampf gegen die Bünde…Seid überzeugt: Die Bünde werden ausgerottet! Sie haben keine Daseinsberechtigung! Allein die Hitlerjugend ist die neue Idee in der Neuen Gestalt…

Am 30.3.33 gab es den letzten Versuch dem Verbot zu entgehen. Man vereinigte sich zum Großdeutschen Bund und wählte den 70jährigen Admiral v. Trotha zum Bundesführer. Er war ein Freund Hindenburgs und man hoffte, über die Einflussnahme auf den Reichspräsidenten, den Untergang der Jugendbewegung aufzuhalten. Man bekannte sich sogar in einer Erklärung zu Adolf Hitler als Reichskanzler. Zu Pfingsten 1933 fand das letzte öffentliche Lager der Bündischen Jugend auf dem Truppenübungsplatz Munsterlager statt. 10.000 Jungen und Mädchen nahmen teil, doch schon am zweiten Tag ließ Baldur von Schirach das Lager durch SA und HJ sprengen. Am 17.6., dem Tag seiner Ernennung zum Reichsjugendführer, verbot von Schirach den Großdeutschen Bund sowie alle anderen Bünde. Die Gruppenräume im gesamten Reich wurden durchsucht und verwüstet, alles Brauchbare, wie Fahrtenmaterial oder Gitarren, wurde beschlagnahmt. Da half kein Protest v. Trothas beim Reichspräsidenten, die Bündische Jugend der Weimarer Republik war offiziell tot.

Viele Gruppen versuchten dem Verbot durch Selbstauflösung zu entgehen, wieder andere traten geschlossen in die Hitlerjugend ein, teils aus Begeisterung für die neue Sache, teils um dort ihren alten Weg weiterzugehen. Manche machten im Untergrund mit Fahrten und Lagern weiter. Und tatsächlich, trotz zunehmend schärferer Strafen, gelang es nie ganz die letzte Glut der Jugendbewegung zu löschen. Entgegen allen offiziellen Behauptungen war die Bündische Jugend und ihre Idee nie tot. Es gab aber auch keine Organisation wie Bünde oder Verbände mehr, vielmehr viele kleine und kleinste unabhängige Gruppen. Man urteilt leicht über die damalige Zeit aus heutiger Sicht, gerade weil man sie selber nicht erlebt hat. Die rühmlichen Ausnahmen der Edelweißpiraten oder der Weißen Rose der Geschwister Scholl, wo Hans Scholl Kontakt mit der Bündischen Jugend hatte, lassen manchen schnell vom bündischen Widerstand sprechen. Aber auch die Gruppen, die in einem System totaler Kontrolle auf Fahrt gingen, verdienen unsere Bewunderung. Verständnis sollte man aber auch gegenüber allen finden, die nicht so mutig waren. Die aus Angst vor Verhaftung und Verurteilung die öffentliche Meinung annahmen oder einfach gar nichts taten. Denn tatsächlich endeten viele Treffen und Fahrten in Haft und teilweise sogar im KZ. Es sollte aber auch erwähnt werden, dass mancher aus Überzeugung oder Opportunismus in die HJ eintrat und so Elemente der Pfadfinder oder der bündischen Jugend in die HJ einbrachten. Eine Tatsache teilweise heute gerne verschwiegen wird.

Die katholische Pfadfinderschaft St.Georg wurde erst 1939 vom Reichsjugendführer verboten. Sie war bis dahin durch das Konkordat, was Hitler mit dem Papst abgeschlossen hatte, vor Verfolgung geschützt. Die Hitlerjugend übernahm einige Elemente, die sich schon vorher bei der Bündischen Jugend bewährt hatten. Dazu gehörten die abgewandelte Juja und Fahrten und Lager. Zusammen mit Weltanschauungsunterricht und vormilitärischer Ausbildung erreichte man das Ziel einer Staatsjugend. Die äußeren Ähnlichkeiten haben bis heute Nachwirkungen für die Pfadfinderarbeit. Nur zu leicht wird man durch das Tragen einer einheitlichen Tracht oder durch Begriffe wie Gruppenführer in eine rechte Ecke gestellt. Das Ende ist bekannt. Hitlerjungen waren mit im letzten Aufgebot, dem Volkssturm, der Bündische Widerstand teilweise gehängt und erschossen und Deutschland ein Trümmerhaufen. Aber irgendwo in diesem ganzen Durcheinander gab es schon wieder Pfadfinder und Jugendbewegte, die über Wege eines Neuanfanges nachdachten.

 

 

1945-1950

Deutschland ist ein Scherbenhaufen. Viele haben das verloren, woran sie ihr ganzes Leben geglaubt hatten. Gerade Kinder und Jugendliche, die nie etwas anderes gesehen und gehört hatten als die Propaganda des tausendjährigen Reiches, sollten plötzlich junge Demokraten werden. Aber wo war das, an das man glauben konnte, was Halt und Orientierung oder aber auch nur Ablenkung vom Nachkriegsalltag bot? Schon früh regten sich die ersten „Geister“ der Bündischen Jugend der Weimarer Republik. Doch die Militärregierungen der einzelnen Besatzungszonen standen der Neugründung von Jugendgruppen skeptisch gegenüber. Man befürchtete ganze Gruppen voller nationalsozialistischer Werwölfe, die als Partisanen Rache an den Besatzern nehmen würden. Daher musste jede Jugendgruppe eine Genehmigung durch die jeweils zuständige Militärregierung einholen. Die Gruppenführer wurden auf ihre Vergangenheit im dritten Reich überprüft. Ende 1945 waren die Pfadfinder außer in der Besatzungszone der Amerikaner verboten.

Die Amerikaner, die in ihrer Heimat gute Erfahrungen mit dieser Form der Jugendarbeit und eine große Anzahl aktiver Pfadfinder hatten, sahen in den Scouts eine geeignete Form zur Reeducation, zur Umerziehung, der Jugend. In der sowjetischen Besatzungszone entstand die Frei Deutsche Jugend (FDJ) aus der später die Nachwuchsorganisation der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) wurde. Sie übernahm lediglich Elemente wie Lager und Fahrten, sah aber ihre Aufgaben in einer politischen Erziehung. Die Pfadfinder blieben verboten. Auch in der französischen Zone waren die Pfadfinder erst verboten. In der britischen Besatzungszone zierte man sich etwas, obwohl in England das Pfadfindertum seine Wurzeln hatte. Man wartete auf eine Stellungnahme des Boy Scouts International Bureau, des Weltbüros der Pfadfinder. Solange mussten sich die Gruppen gedulden. So kam es zu Neu- und Wiedergründungen, die zwar Pfadfinderarbeit machten, sich aber andere Namen gaben, bzw. geben mussten.

Gründungen dieser Zeit waren: Die Christliche Pfadfinderschaft Deutschlands (CPD, evangelisch), der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG, katholisch) und des Deutschen Pfadfinderbundes (DPB, interkonfessionell). Aber auch die alten Bünde, wie Wandervogel, Bündische Freischar, Deutsche Freischar und Nerother Wandervogel, entstanden neu. Viele neugegründete Bünde trugen zwar Namen alter Bünde, standen aber meist nicht in direkter Fortführung derselben. Kennzeichnend war nun die fast komplette Vermischung der Jugendbewegung mit dem Pfadfindertum und umgekehrt. Scoutistische Wandervögel und bündische Pfadfinder waren die Folge. Viele Bücherschreiber erklären die Geschichte der deutschen Jugendbewegung deshalb mit der rigorosen Auflösung im dritten Reich für beendet. Wir wollen uns daher im Weiteren nur noch mit der Pfadfinderei und hierbei besonders mit der interkonfessionellen, also der Pfadfinderei, die nicht durch eine Konfessionszugehörigkeit geprägt ist, beschäftigen.

 

 

1950-1970

Im Bund Deutscher Pfadfinder (BDP) gelang zum ersten Mal die weitgehende Einigung des interkonfessionellen Pfadfindertums in Deutschland. Zusammen mit den beiden großen konfessionellen Organisationen DPSG und CPD schloss man sich zum Ring Deutscher Pfadfinderbünde (RDP) zusammen. Der Ring wurde sehr schnell, nämlich 1950, in die Weltpfadfinderbewegung aufgenommen. Durch die Mischung im BDP aus Teilen der bündischen und der scoutistischen Bewegung traten schnell Spannungen im BDP auf. Jugendpflegerische und Interessen der Jugendbewegung standen sich gegenüber. Versuche, diese Strömungen zu vereinigen, scheiterten teilweise und nach dem bekannten Schema kam es zu einigen Abspaltungen, wie z.B. der Freien Pfadfinderschaft und der Pfadfinderschaft „Graue Reiter“. Es gab natürlich auch Versuche der Einigung, usw. Insgesamt kann man diese Zeit auch als glückliche Jahre bezeichnen. Erstmals waren die meisten Pfadfinder Deutschlands unter einem Dach vereint. Man nahm an internationalen Treffen, den World-Jamborees, teil und veranstaltete große gemeinsame Pfingstlager in den Landesmarken.

 

 

1970

Es soll hier nicht der Versuch gemacht werden, die Studentenbewegung in ihren Einzelheiten zu beleuchten und erst recht nicht, sie in irgendeiner Form zu bewerten. Aber so wie sie, wenn auch nicht sofort, in weiten Teilen der BRD zum Umdenken geführt hat, so hat sie auch bei den Pfadfindern ihre Spuren hinterlassen. Sie führte zur Aufsplitterung des interkonfessionellen Pfadfindertums in Deutschland. Die Welle der Studentenrevolte machte natürlich auch nicht vor den Stammes- und Bundesführern der damaligen Zeit halt, unter denen sich, wie auch heute noch, eben viele Studenten befanden. Offen für die politischen Positionen der Studentenbewegung, machten sich manche ihre Forderungen zu eigen und versuchten, die neuen Vorstellungen in ihr Gruppenleben einzubeziehen. Forderungen nach Abschaffung von autoritären Führungsstrukturen, von Gesetz und Versprechen und dem Tragen der gemeinsamen Tracht wurden laut. Diese Sachen würden die Freiheit des Einzelnen einschränken, wurde argumentiert. Der BDP spaltete sich in drei Lager auf: In das Progressive, was die Ideen der Studentenbewegung im BDP umsetzen wollte, in das Konservative, welches die Ideen und Traditionen der Pfadfinderbewegung und der Bündischen Jugend unter allen Umständen und mit allen Mitteln auch durch Austritt wahren wollte, und in ein drittes Lager, nennen wir es mal liberal, das sich vor allen Dingen die Wahrung des Bundes als Ziel gesetzt hatte. Als Pfadfinder in Tracht an Demonstrationen teilnahmen und Wölflinge auf der Bundesversammlung 1970 „HO, HO, HO Chi Minh“ riefen, war das Maß voll.

Die Konservativen des „Kronberger Kreises“, unter ihnen Teile der Landesmark Westfalen, dabei unser Stamm der Ritter, sahen keine Möglichkeit mehr, das Ruder im BDP herumzureissen und traten aus. Sie gründeten im Juni des gleichen Jahres im Pfadfinderheim Lage den DP e.V., den Dachverband Deutsche Pfadfinder e.V. Die liberalen Teile des BDP organisierte sich in einer oppositionellen Arbeitsgemeinschaft, der AG im BDP. Sie scheiterten jedoch bei den folgenden Abstimmungen über die Richtung des BDP und sahen 1971 auch keine andere Perspektive mehr als den Austritt aus dem alten Bund. Der BDP war somit in drei Teile gespalten.

Der Rest des alten BDP hat heute keine Gemeinsamkeiten außer dem Namen mit dem alten Bund. Er ist als politische Jugendorganisation zu betrachten. Aus dem DP e.V. wurde 1971 der DPV, der Deutsche Pfadfinderverband. Der liberale Teil gründete den BdP, den Bund der Pfadfinder, später Bund der Pfadfinder und Pfadfinderinnen.

 

 

1970 bis heute

Anfang der 70-er Jahre kam es zu einem Wettlauf des BdP und des DPV um die Aufnahme in den RDP, dem oben schon erwähnten Ring Deutscher Pfadfinderbünde, aus dem der BDP wegen seiner Politisierung herausgeschmissen worden war. An der Dreiteilung der interkonfessionellen Pfadfinderbewegung hat sich bis heute nichts geändert. Neben den drei großen Bünden und Verbänden, wie dem DPV, dem BdP und dem DPB, wird man eher noch mehr kleinere Gruppen und Bünde finden. Es ist seither einige Male versucht worden, das interkonfessionelle Pfadfindertum wieder zu vereinigen, aber zu groß scheint der Unterschied auch teilweise Kleinigkeiten.

Durch die Gründung des DP e.V., des BdP und dem Weiterexistieren des alten BDP war die Konfusion im interkonfessionellen Lager mal wieder perfekt. Auch das Weltbüro hatte Wind von den Vorgängen bekommen und den schon erwähnten RDP zu einer Stellungnahme bzw. einer Klärung der Situation aufgefordert. Das Weltbüro drohte sogar mit dem Ausschluss des Ringes aus dem Weltpfadfinderverband. Eben wegen der politischen Umtriebe im BDP. So kam es zu einer Suspendierung des BDP im Ring durch die anderen konfessionellen Mitgliedsbünde. Der Ring löste sich kurzzeitig unter der Führung der konfessionellen Bünde auf, um eine neue Struktur mit einem anderen interkonfessionellen Bund/ Verband aufzubauen.

Der DP e.V. und der BdP lehnten natürlich einen Eintritt bzw. Beitritt in/ zum jeweiligen anderen Bund/ Verband ab. Beide führten Kontaktgespräche mit den beiden konfessionellen Bünden. Es kam schließlich zum Treffen auf der Burg Rieneck, wo eine Neuorientierung des Ringes beschlossen werden sollte. Erstmalig nach dem 2. Weltkrieg waren alle großen interkonfessionellen Bünde mal wieder unter einem Dach vereint, wenn auch nur unter dem der Burg. Auch der DPB saß mit am Verhandlungstisch. Aber es stellte sich schnell heraus, dass die konfessionellen Bünde schon eine Entscheidung zu Gunsten des BdP getroffen hatten. Eine Chance der Einigung der interkonfessionellen Pfadfinder bei diesem historischen Treffen war mal wieder vertan worden.

Anfang 1972 konstituierte sich der Ring als Ring deutscher Pfadfinderverbände neu. Mitglied waren und sind bis heute die DPSG, die Deutsche Pfadfinderschaft St.Georg, katholisch, der VCP, Verband Christlicher Pfadfinder, evangelisch (umbenannt und neu gemischt, ehemals CPD), und der BdP. Der DPV versuchte zwar noch direkt beim Weltbüro, die Anerkennung der zweiten, zumindest genauso starken interkonfessionellen Pfadfinderorganisation zu erreichen. Aber das Problem wurde als typisch deutsches Problem bezeichnet und man sollte sich gefälligst selbst untereinander einigen. Dies wurde auch noch mal versucht, doch Interessen der einzelnen eigenständigen Mitgliedsbünde im DPV, aber auch triviale Differenzen in Kleinigkeiten verhindern bis heute die Einigung. Das große Problem ist wohl, dass im DPV die einzelnen Mitgliedsbünde selbstständig und unabhängig sind, ein Vorteil der föderativen Struktur des DPV. Die Eigenheiten seiner Mitgliedsbünde sind Stärken aber auch Schwächen. Der BdP hingegen ist eben ein Bund, der lediglich in verschiedene Landesverbände gegliedert ist, die zwar auch ihre Unterschiede und Eigenheiten haben, aber höchstwahrscheinlich längst nicht so wie der DPV mit seinen verschiedenen Bünden. Nach dem Scheitern der Verhandlungen über eine Einigung in den 80-zigern, ist eine Vereinigung in der näheren Zukunft wohl eher unwarscheinlich, obwohl Vertreter der Mitgliedsbünde auf einer Zukunftswerkstatt des DPV ausdrücklich ihren Willen bekundet haben.

Zu guter Letzt sollte man nicht die deutsche Wiedervereinigung vergessen. Mit der Auflösung der DDR taten sich neue Perspektiven für die westlichen Pfadfinderverbände auf. Mit Fördermitteln ausgestattet, machten sich begeisterte Missionare des Pfadfindertums auf in den wilden Osten der jungen wiedervereinigten Republik. Mit in der ersten Reihe unser ehemaliger Stammesführer Dhasy, Arne Müller, der so seinen Spitznamen in der Roverunde um einen sich reimenden Zusatz ergänzen konnte.